Die Literaturgeschichte bei Wikipedia

Warum überlassen eigentlich gestandene Literaturwissenschaftler die verschiedenen Artikel über Texte und Autoren den ganzen Laien, die meinen, einen Lexikonartikel über Literatur verfassen zu können nur weil sie mal in früherer Zeit lesen gelernt haben? Blickt man dagegen auf Artikel z.B. medizinischen Inhalts, dann fällt auf, dass diese Artikel nur von Experten verfasst werden können (zugegeben: auch das Verstehen bleibt leider Experten vorbehalten).

Lohnenswert wäre aber doch eine entsprechende Qualitätsoffensive, denn dann könnten solche Sätze wenigstens keinen Schaden mehr anrichten (weil sie ja gar nicht mehr da wären):

Hesse ist es auch, der am 27. März 1916 in seinem Gedicht “Beim Wiederlesen des Maler Nolten” (410) das Mörike-Lesegefühl liebevoll, poetisch und ganz präzise in aller Kürze altmeisterlich heraufbeschwört.

Nachzulesen im Artikel über Mörikes Roman Maler Nolten. Welche Wortgruppen passen in dem zitierten Passus nicht zusammen? Genau: 1.) liebevoll und poetisch, 2.) ganz präzise und 3.) altmeisterlich. Vom Lesegefühl ganz zu schweigen.

Und das ist ja bei weitem nicht der schlimmste Fall. Vorschlag: Warum werden denn nicht auch Wikipedia-Artikel als Leistung im Studium anerkannt? Da würde dann eine ganze Armada von Germanistik-Studenten über Wikipedia herfallen und solche Passagen tilgen. Man würde damit aber vielleicht einigen Literaturfreunden mehr als nur auf den Schlips treten. Aber die Mediziner machen das ja auch: Die Einwürfe eines Hypochonders in einen Artikel würden wahrscheinlich binnen Sekunden als Vandalismus erkannt und rückgängig gemacht. So haben wir bei literaturrelevanten Artikeln die umgekehrte Situation: Die Literaturhypochonder haben bereits für ein völliges (Gefühls-)Chaos gesorgt, das beseitigt werden muss.

This entry was posted in Weblog. Bookmark the permalink.

Comments are closed.