Und so frage ich mich, was mit Deutschland – und seiner Diskussionskultur – los ist. Wie gerne kraulen wir uns, wenn wir über den Osten (also die Zone =:D ) reden: “Nein wie schrecklich. Die Stasi hat ja alle überwacht! Daß sowas überhaupt möglich ist!” – “Genau! Im Westen hätts das nicht gegeben!” Und so geht es fröhlich fort. Es wird lamentiert über das totalitäre Regime der DDR, über den Sozialismus und die westliche Selbstbeweihräucherung benebelt die Kombatanten, und bald springen sie auf und schreien: “Oh glorreicher Westen! Du bist so wunderschön!”.
Und sie vergessen dabei, daß die Gefahren heute viel größer sind.
Denn sie haben nicht bedacht, daß die Möglichkeiten der Überwachung heute viel größer sind als es sich die Stasi in ihren kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können: Ab einer gewissen Menge von Informationen sind analoge Informationen (Papier, Gespräche. schriftliche Gesprächsnotizen auf Papier) nicht ernsthaft verwertbar. Es bedarf zu viel Handarbeit, die analogen Informationsfetzen zusammenzusetzen und zu verknüpfen. Hier hilft die digitale Technik: Die Erfassung kann wunderbar fast ohne Zutun eines Menschen erfolgen. Insbesondere im globalen Netz können viele Informationen völlig automatisch erfasst, verarbeitet und gespeichert werden, ohne daß der überwachte auch nur die leiseste Ahnung hat, was gerade passiert.
Alle analogen Daten (Schriftstücke oder Gespräche, was auch immer) dieser Welt lassen sich digital abbilden. Und alle diese Daten lassen sich heutzutage mit “vertretbarer” Fehlertoleranz digitalisieren. Gesichtserkennung, Spracherkennung und Schrifterkennung sind nur einige dieser Beispiele. So gibt es bereits Computerprogramme, die zuverlässig (!!!) erkennen können, ob ein Bild Pornographie ist oder nicht. Spracherkennung ist längst möglich, Texterkennung ebenso (auch wenn diese Produkte nicht gänzlich für eine automatische Überwachung geeignet sind, so lässt sich daran folgendes feststellen: Die Technik ist prinzipiell verfügbar, und wer weiß, was manche Geheimdienste bereits entwickelt haben. Außerdem: Die Technik entwickelt sich ja weiter, die Leistung von Computersystemen steigt auch, so daß es mehr als nur vorstellbar ist, daß mittelfristig die beschriebenen Möglichkeiten zu Tatsachen werden).
Auf die Überwachung von Geldverkehr, Telefonkommunikation, Bewegungsprofile, Reisen und ähnliches möchte ich nicht dezidiert eingehen – klar bleibt aber, daß auch solche “Ereignisse” mit Leichtigkeit übverwacht werden könnten.
Zurück zum Thema. Das allerbeste an digitalen Daten: Sie lassen sich dann auch verwerten und verknüpfen, ohne daß ein Mensch allzuviel zusätzliche Arbeit leisten muß. Menschen müssten in einem solchermaßen technisierten Überwachungssystem nur manche Daten bewerten, und da die meisten Verwertungsschritte automatisiert sind, wäre das sogar leistbar.
Die Gefahren eines solchen Systems scheinen sichtbar. Und dennoch führt der Datenschutz ein Schattendasein. Im Schatten von Terrorgefahr und schwerster Kriminalität (organisiertes Verbrechen, Drogenhandel, Menschenverschleppung, Mord, Kinderpornographie, etc.) ist es natürlich schwer zu vermitteln, auf moderne Ermittlungsmaßnahmen zu verzichten. Das Problem daran ist der unvereinbare Gegensatz von “absoluter” Sicherheit und Freiheit. Was ist wichtiger? Sicherheit? Dann müssen wir auf große Teile von Freiheit verzichten. Oder ist Freiheit wichtiger? Dann jedoch müssen wir akzeptieren, daß Sicherheit nicht in einem absolutem Maß gewährleistet werden kann.
Die Antwort der Meisten: “Ich habe doch nichts getan. Daher kann ich es akzeptieren, wenn der Staat überwacht wie er will. Denn nur so können wir uns vor den Gefahren dieser Welt schützen… Ich habe doch nichts getan!” Sicher. Er auch nicht. Tot ist er trotzdem. Wegen einer Verwechslung. Wie perfekt die Technik auch immer ist, Fehler schleichen sich immer ein.
“Wer grundlegende Freiheiten aufgibt, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu gewinnen, verdient weder Freiheit noch Sicherheit.” (Benjamin Franklin). Oder er verliert gleich beides.