Die Palme

“Zu Hülf! Zu Hülf!”, rief ich in den leeren Raum. Bereits zum dritten Male schlug mein Kopf aus eigener Kraft gegen die Wand. Dieser Schlag war stärker als die beiden zuvor, und leichte Schmerzen wallten durch meinen Kopf, und aufgestachelt von einem weiteren, noch heftigeren Schlag der Wand auf meinen Kopf durchkämmte eine Welle Schmerz den Kopf, der meiner sein sollte. Wieder und wieder kämpften meine Wand und der Kopf um das lauteste Pochen, Schlagen, Winseln. Keine Kraft in mir war, mich zu verteidigen, schlimmer noch: Kein Wille.

Mein Empfinden flüsterte mir, wie richtig alles sei, ich möge mich nicht beschweren, ich wolle es doch auch. Ich wehrte mich nicht. Keinen Schlag nahm ich mehr wahr, keine Zeit. Es mag nach Sekunden oder Tagen gewesen sein, daß ich zusammensackte, auf den Boden gekrümmt da lag, an die Decke starrte und wie als sei es im Film gewesen: Da war kein Blut. Ich zog meinen Arm unter mir hervor, versuchte, die Stelle, die immer noch pochte, zu ertasten und das sanfte Echo einer Vergangenheit zu spüren, das mich danieder gezogen hatte. Ich strich mir über den Kopf, und kam zu dem Entschluß, daß da nichts sei. Ich konnte mir nicht mehr erklären, womit all das angefangen hatte, nur eine Ahnung war in meinem Kopf, daß es gut getan habe. Wer könnte auch nachweisen wollen, gar können, daß dem nicht so gewesen ist.

Ich vermochte, meine Zehen leicht zu bewegen, bog sie soweit es ging in eine angewinkelte Position, und streckte sie wieder. Das klappte gut, nach wenigen Minuten, so daß mein Fuß sich bewegen konnte, und bald schon war mein ganzer Körper in Schwung geraten, so daß ich, leicht benommen, aufstehen konnte. Wohl erkannte ich einen Raum, der mein Zimmer war. Der Schreibtisch, darauf eine Lampe strahlte mir ein leidiges Willkommen entgegen, ein Nachttisch bettelte um Auferstehung, ich mußte ihn bei meinem Fall mitgerissen haben, aber vielleicht lag er auch schon sehr lange in dieser ungewöhnlichen Stellung: Beine in die Lüfte gereckt und die Schublade schaute mir als Zunge freundlich entgegen. Sie war leer. Die anderen Gegenstände beachteten mich nicht, und es schien mir, als sei dies nicht mein Zimmer, konnte ich mir doch nicht vorstellen, daß ich und mein Besitz eine so gleichgültige Beziehung führten. Ein leichtes Rauschen erhaschte meine Aufmerksamkeit. Es kam aus einer Ecke, die ich bislang nicht wesentlich beachtet hatte, aber dort am Fenster stand eine Palme. Dort japste sie nach Licht, bekam es dann aber nur mit einigen Sonnenstrahlen dieses Spätnachmittags zu tun. Ich setzte mich an die Stelle, an der ich vorher gelegen hatte, den Rücken gegen die Wand gelehnt, und wurde des reinen Rauschens gewahr. Ich starrte die Palme an, so wie sie mich, und wenig später schien es mir, als erzähle sie mir etwas. Ich lauschte weiter und vernahm ihre Geschichte. Sie habe ähnliches erlebt. Sie komme aus der Südsee. Sie sei ein Souvenir. Sie sei…

Sie hatte kein Benehmen. Sie konnte nicht schweigen, nur fragen, sagen, manchmal krächzen – ohne Unterbrechung. Ich wollte freundlich sein, mein Geduldsfaden aber riß, so platzte ich ebenso. Ich schlich die wenigen Schritte zu ihr…

“Just what do you think you’re doing, Dave?”, sprach sie sehr langsam, denn sie wußte, was ich wußte. Sie mußte aus dem Raum.

“Dave, I really think I’m entitled to an answer to that Question.”

Nach vier Versuchen bekam ich das Fenster auf.

“Stop Dave. Will you stop, Dave?”, und melodiös erklang der ganze Raum, als feiere er schon seine Rettung.

“I’m afraid… I’m afraid, Dave!”

Ich packte das Pflänzchen an ihrem Topf, erhob sie vom Boden, und mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte, warf ich sie aus dem Fenster.

Die Freiheit sang das ihr eigene Lied, ich war so glücklich. Der Raum tanzte mit mir, und meine Vergangenheit fragte sich, ob es mir schon einmal besser gegangen sei. Ich setzte mich wieder zu der Wand, die mich vielleicht erlöst hatte, tanzte im Sitzen weiter, bis ich der Musik überdrüssig war, und sie aufhörte. Endlich wieder Stille, ewig lange Stille. Erst allmählich verstand ich, daß ich die Palme getötet hatte. Plötzlich fühlte ich den Fall, das dumpfe Aufschlagen auf dem Asphalt. Ich hörte das kreischende Geräusch des zerberstenden Topfes, und fühlte, wie die Kraft aus den Blättern schwand, hörte das letzte Licht und vernahm die letzten Sekunden im Leben dieser einen Palme als ein nervöses Zittern, ein grausames Zerren an Händen, Füßen, überall, das mir den Schweiß auf die Stirn trieb. Von Panik ergriffen floh ich ins Stehen, versuchte, tief durchzuatmen, doch bekam kaum Luft.

Ich kniete mich wieder hin, in der Hoffnung, am Boden sei die Luft besser. Keine Hoffnung war seit dem für mich so vergebens wie diese. Dann erinnerte ich mich, daß ein Schreibtisch in meinem Zimmer sei, und fand ihn sogleich an einer Wand stehen. Meine Finger krallten sich an die Tischplatte, und zogen mich daran hoch, bis meine Nasenspitze etwas oberhalb der Platte war. Ich drückte mich wieder etwas nach unten, zog mich wieder hoch, feststellend, daß mir solche Bewegungen möglicherweise nicht den erwünschten Luftstrom geben konnten. Ein kleines Buch aber lag auf dem Tisch, ich ergriff es, und fächerte mir etwas Luft zu, bis ich glaubte, diesen Anfall überstanden zu haben, und es mich nach Wasser dürstete.

Eine Tür war an einer Wand in den Stein gehauen, und lud mich ein, sie zu öffnen, um die Wunder zu erleben, die hinter ihr auf mich warten würden. Mit einem Ruck zog ich sie auf, sah einen Flur, der mir merkwürdig vertraut erschien, und mir verriet die zähe Luft, daß ein Bad hinter einer weiteren Pforte stand. Ich durchschritt sie mit einer eigenartigen Würde, und drehte den Wasserhahn leicht auf, um meine Lippen und mein Gesicht mit etwas Wasser zu gießen.

“Wenn ich mich aufrichte, dann werde ich mir mal anschauen, wer … was ich bin.”

Ich starrte in eine wilde Leere, sah ein Gesicht, das mir mit einem Blick einen Befehl gab.

“So sei es!”

Ohne mich abzutrocknen verließ ich das Bad, wandte mich nach links und verließ das Haus wie mir gehießen war. Selten hatte man eine Gestalt das Haus so verlassen sehen. Selten war ein endgültiger Abschied aus einer Wohnung leiser als dieser. Alles hinter mir lassend, blickte ich mich auf der Straße um, und sah in eine Welt, die mir gänzlich fremd war. Ich ging die gerade Straße in irgendeine Richtung runter, entfernte mich von mir.

Ich blickte mir nach, bis ich in der Ferne mit Straßen, Bäumen und allem anderen verschwamm, und mich so aus den Augen verlor. Was danach geschah, vermag ich nicht zu sagen; ich habe mich nie wieder gesehen.

2 thoughts on “Die Palme

  1. -) zweifellos großes Talent….vielleicht teilweise etwas zu dramatisch, aber Künstler sind nun mal Exzentriker und das macht im Nachhinein auch den Charme aus….Nichtigkeiten in eine grenzenlose Metapher zu verwandeln….geh doch mal auf http://www.ahleyana.de.vu ;-) ist nur kurzfristig umgeleitet….diese Woche besorg ich mir endlich kostenlosen webspace…und dann entsteht auch mein Fußabdruck im web ;-)
  2. Zu dramatisch? Das mag durchaus sein, allerdings meine ich, daß insbesondere der Schluß das wichtigste ist, nicht nur im Allgemeinen, sondern auch in dieser Erzählung.

    Dennoch muß ich wohl zugeben, daß ich an einigen Stellen etwas zu dick aufgetragen habe :)

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