… diesen Tag. So schauts aus.
Monthly Archive for May, 2004
Einmal mehr muß ich mir Gedanken über Techno machen. Auslöser war dieses Mal der KiKa, liebevoll auch Kinderkanal genannt. Es begann recht harmlos mit der Kindernachrichtensendung “Logo”, die zunächst zu Recht wenig tiefsinnig über diese ach so schaurig schöne Welt zu berichten wußte, um schließlich das Wetter des nächsten Tages ankündigen zu können.
Nachdem nun dies verkündet war, folgte im Programm dankenswerterweise nicht die Werbung, sondern weiterhin redaktionell recherchierter Inhalt. In diesem Fall “KiKa rockt!”. Entgegen des Titels dieser Sendung rockte es nicht; der Zuschauer bekam nicht Rock’n'Roll präsentiert, sondern niederen Techno.
Der Techno als solcher benötigt für eine “Live-Performance” nur drei Dinge: Zunächst den DJ (auch Diskjockey, in Anlehnung an Pferderennen der alten Zeit), die Sängerin, die ihre Pfunde auf der Bühne elegant in Schwingung versetzen kann, und natürlich die Spezies “Background-Dancers” (auch: gescheiterte Star Search- bzw. DSDS- Gewinner). Damit ist das erheiternde Potpourri der Gegenwartskultur auch schon beisammen. Als Anmerkung sei noch gesagt, daß das Publikum nicht ganz so wichtig ist. Konzentrieren wir unsere Aufmerksamkeit auf den DJ.
Der DJ steht vor einem schönen, ja geradezu professionellen DJ-Pult. Knallweiß gekleidet, und hat eine typische – wenngleich häßliche – Kurzhaarfrisur. Seine überdimensionierten Kopfhörer wiegen sich heruntergeklappt auf seiner Schulter, hin und wieder mal geistert seine Hand zu einem der Hörer, um diesen professionell mit einer leichten Kopfbiegung an sein Ohr zu bugsieren. Man hätte fast glauben können, er wolle tatsächlich etwas daraus hören.
Seine Fingerspitzen. Sein Handwerkszeug. Seine Ausdrucksform. Sein Plattenspieler. (Verzeihung. Es heißt selbstverständlich nicht mehr Plattenspieler – zu altmodisch – sondern es heißt Turntable.) Der “Turntable-Rocker” spielt mit seinen Fingern grazil auf einer sich drehenden schwarzen Vinyl-Scheibe. In diesen Sekunden blickt der Zuschauer in ein hochkonzentriertes Gesicht. So konzentriert, daß ihm der Schweiß auf die Stirn tritt.
BETRUG!!! Nein, der Schweiß tropft ihm nicht auf die Stirn der Anstrengung wegen, sondern vielmehr, weil er weiß, daß er die Menschen betrügt. Der Zuschauer hörte nichts seiner grazilen Fingerübung. Er verspürte nicht das Gefühl, daß sich die “Musik” auf des “scratchenden” DJ’s Geheiß hin veränderte. Nichts. Die Musik ging ihren Weg durch den Raum, durchschwamm schier mühelos eine Horde vor Freude hüpfender Kinder.
Er sprang nicht zu einer weiteren Stelle der Platte, die er als nächstes anspielen wollte, sein zweites “Turntable” blieb den Auftritt über unangetastet. Über die Zeit hinweg verlor er seine Scham. Schamlos drehte er an Knöpfen, scratchte vor sich hin, und war doch von keinem Nutze. Dem Kinde machte es nichts aus, daß er es betrog. Es empfand es als toll, daß ein Erwachsener, der Musik für die Älteren machte, auch vor ihm auftrat. Es fühlte sich angenommen. Es hüpfte.
Und verstand doch nichts. Nichts von der Techno-Kultur, nichts von der Musik, und schon gleich gar nichts von ihrem Gegenstück: Dem Techno. Jene Musikmutation wurde in den Neunziger Jahren des vergangenen Jahrtausends erfunden. Einem Jahrtausend voller Leid, Zerstörung, Elend und Krieg. Und einem Jahrtausend, welches die Achtziger Jahre hervorzubringen gedachte. Zur Selbstgeißelung erfanden sie, die Menschen, den Techno. Und es gab viele, die leiden wollten. Sie verfielen ihm, und entsagten jedweder Selbstachtung. Sie entsagten normalen Bewegungen, und ergaben sich schrecklicher Kostüme, Frisuren und Accessoires.
Sie entsagten dem bis dato gebräuchlichen Dauerhüpfen. Die Wendung “Wer hüpft, der schwitzt”, bekam dann vor allem im Massenphänomen Techno seineoberste Bedeutung. Der neue Tänzer darf nicht mehr hüpfen. Denn “Wer schwitzt kommt am Abend nicht zum Schuß” war nur eine logische Fortführung der vorhergenannten Weisheit. Bewegung wurde als zu vulgär betrachtet. Beinahe Stillstehen, nur mit dem Finger im Takte der Musik schwelgen, das war das Erkennungszeichen der neuen Herrscher. Der neuen Eroberer. Nicht im politischen Sinne versteht sich. Jeder vernünftige Gedankengang war von der Musik aus dem Kopf des “Tanzenden” geblasen worden.
Abschließende Feststellung: Dieses Volk ist nicht bereit. Und unseres auch nicht. Wir könnten den Kulturschock, der durch die Begegnung mit dieser primitiven Form von Leben ausgelöst werden würde, nicht verkraften. Unter allen Umständen müssen wir davor geschützt werden, einer solchen Trivialität ausgeliefert zu werden. Den mit dem Rest der Menschheit ist es nicht viel weiter her. Im Gegenteil. Der Techno-Liebhaber ist noch der beste, den man hier in dieser Enklave des Weltalls treffen kann.
(Anmerkung: Dieser Text wurde ursprünglich als Bericht des Agenten Barash angefertigt. Er war auf Erkundungsmission im Auftrag des Intergalaktischen Rates auf der Erde. Der Einfachheit halber wurde dieser Bericht aus der intergalaktischen Einheitssprache in das Deutsche übersetzt. Der Übersetzer.)